Aktuelle Situation in Afghanistan

Karla Schefters Bericht zum Hospital: Unendliche Dankbarkeit

 

Kabul, September 2017: Bei der Anreise am meisten gefürchtet hatte ich den Flughafen in Kabul. Abdul Latif hatte berichtet, wegen Bauarbeiten könne kein Auto hinein. Aber wie sollte ich einen langen Fußmarsch mit meinem lädierten Knie schaffen? Ich verdrängte es und ließ meine so oft bewährte Einstellung Oberhand gewinnen: Die Dinge Schritt für Schritt auf mich zukommen zu lassen. Und tatsächlich, es geschehen noch Wunder! Als ich nach langem Flug die Gepäckausgabe erreichte, erwartete mich dort Abdul Latif. Zufällig hatte er den Flughafenkommandanten kennen gelernt, einen Ausnahme-Afghanen ohne Bakschisch, der uns treuherzig bis zu unserem Auto begleitete. Das durfte direkt vor dem Flughafengebäude halten – einem Platz, der sonst Ministern und anderen „hohen Tieren“ vorbehalten ist. Ich konnte verstehen, wie der Kommandant diversen Leuten meine Verdienste aufzählte …


Alles ist sehr einsam geworden. Meine Freundinnen, die „Schwestern”, hatten Kabul aus Alters- und Krankheitsgründen schon im Frühjahr verlassen. Fam. Schwittek, von der wir mein Zimmer und die beiden Büroräume gemietet haben, war nach Deutschland gereist. Die Deutsche Botschaft hat sich nach dem großen Anschlag bis auf einen Notdienst zurückgezogen. Ungeachtet dessen verlief die erste Woche sehr arbeitsintensiv. Nach mehreren zermürbenden Ablehnungen blieb für mein erstrebtes Einjahresvisum nur noch der Weg über den bekannten Parlamentarier Dr. Farooq Wardak – und tatsächlich hat dies dann einen Tag vor meinem Abflug geklappt!


Ein besonderer Schwerpunkt waren diesmal leider Personalschwierigkeiten. Wir nutzten die Ruhe des islamischen Sonntags und einen „eigentlich arbeitsfreien“ weiteren Feiertag, um Regularien zu erarbeiten. Die werden in der Mitarbeiterbesprechung vorgestellt und müssen gegengezeichnet werden. Unser ärztlicher Direktor macht einen zweijährigen Fernstudiengang mit Abschluss eines „Master Degree in Public Health“. Er muss dazu alle sechs Monate für drei Wochen an der Universität in Jodhpur (Indien) anwesend sein. Als Nächstes kam der derzeitige Chirurg mit Gehaltsforderungen. Da ich diese Forderungen nicht erfüllen konnte, kündigte er. Zum Glück kannte Dr. Ehsan einen geeigneten Interessenten, so dass wir gleich Ersatz für diese wichtige Stelle fanden.


Der Höhepunkt war natürlich wieder der Besuch unseres – von mir so sehr geliebten – Hospitals in Chak. Nach wie vor sind Reise und Aufenthalt gefährlich, und ich verließ mich wie immer auf die Erfahrung meiner Mitarbeiter. Wir starteten um 6:00 Uhr. Die Weite der Landschaft und die Frische der Bergluft öffneten mein Herz und meine Lungen. Und wieder die wohltuende Begrüßung der Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, Kinder, Patienten. Ich bekam einen Dreikäsehoch auf den Arm, reichte ihn aber schnell zurück, als ich erfuhr, dass er Durchfall hat. Wegen der Armut gibt es keinen Schutz und alles geht „voll in die Hosen“. So musste das ältere Geschwisterchen das Malheur beseitigen.


Es war zu spüren: Alles war getragen von unendlicher Dankbarkeit gegenüber den Spendern in Deutschland. Die jeweiligen Sprecher von Männern, Frauen und auch Kindern ließen alle Scheu fallen und hielten vor versammelter Mannschaft eine kurze Ansprache. Es wurde gesungen und getanzt und alles per Videokamera fest-gehalten. Schließlich war es ein Farbenrausch der besonderen Art, als mir die Frauen ihre reich durch feine Perlenarbeiten geschmückten Geschenke überreichten. Sie sind wahre Künstlerinnen. Traurig zu hören war dann allerdings, dass die gesamte Apfelernte durch einen Kälteeinbruch während der Blütezeit vernichtet wurde.


Einen Besuch kurz vor Aufbruch machte mir schließlich die gesamte politische Führung, bestehend aus dem Kommandanten, dem militärischen Obersten, dem Geheimdienstmann und dem neuen Gouverneur. Er kennt mich schon seit 1989, hatte das Gymnasium vor Ort absolviert und mehrfach sind Familienmitglieder im Hospital behandelt worden.