Aktuelle Situation in Afghanistan

Karla Schefters Bericht zum Hospital

Kabul, Oktober 2016                                                                      

 

Nach aufwendiger Reise mit dem bekannt langen Flug erreichte ich Kabul ohne besondere Probleme. Ich tauchte ein in die andere Welt, die Dunstglocke Kabuls.

Gefreut hatte ich mich in Deutschland auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das reiche, wunderbare Obst.

Zwei Tage braucht es immer, um auszupacken, sich einzurichten, anstehende Arbeiten auf den Weg zu bringen und zu klären, ob ein Besuch im Hospital in Chak möglich sein würde. Ja, die Reise nach Chak soll möglich sein, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Zur Vorsicht gehört, den Termin nicht lange vorher festzulegen, sondern kurzfristig zu bestimmen. Niemand soll auf uns aufmerksam werden. Auch das Hospital selbst soll meinen Ankunftstermin nicht wissen.

Der ärztliche Direktor Dr. Ehsan kam von Chak nach Kabul, um mich abzuholen. Um 6 Uhr am Morgen fahren wir in zwei Autos los, neben Dr. Ehsan auch noch Abdul Latif und Abdul Waheed aus dem Kabul-Büro. Die Sonne strahlt schon, in der frischen Bergluft auf 2300 m Höhe öffnen sich die Lungen, die Straßen sind noch leer, es geht zügig voran und in zwei Stunden sind wir heil und sicher da.

Der erste Eindruck vom Hospital macht mich glücklich, das daneben stehende kleine Bürohaus umgeben von dichtem Grün und einer Fülle von Blumen, die in der Sonne aufleuchten.

Nach freudiger Begrüßung erstattet das diensthabende Team der vergangenen Nacht Bericht. Vor mir auf dem Schreibtisch steht ein bunter Strauß frischer Blumen. Ich fühle mich gut und wohl in der Gemeinschaft mit den Menschen und Blumen.

Dann ein kurzer Rundgang durch alle Abteilungen des Hospitals. Es macht mich glücklich, dass alles sauber und ordentlich gehalten ist, wie ein schmuckes neues Haus, das soeben renoviert ist.

 

Im Männer- und Kinderhospital wollen mich Patienten sprechen. Es sind ältere Männer mit mageren Körpern und verwitterten, gegerbten Gesichtern, die mich bitten, dem Komitee , den Spendern und Helfern ihren Dank ausdrücken. Einer unter ihnen fällt mir besonders auf, trotz seiner Armut und Krankheit ein Spaßmacher, der durch sein zahnloses Lachen alle mit seiner Fröhlichkeit ansteckt. Im Frauen- und Kinderhospital fallen mir die vielen Mädchen auf, die ihre kranken kleinen Geschwister herumschleppen.

Freude macht es, die mitgebrachten Sachspenden an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verteilen. Die Kinder der innerbetrieblichen Schule freuen sich ebenfalls über ihre Geschenke und Unterrichtsmaterialien. Sie lernen Lesen, Schreiben und Rechnen, haben aber auch Bastel- und Spielstunden.

 

Nach einem Tee und frisch gebackenem Fladenbrot muss ich mich leider schon  Abschied nehmen. Die Sicherheit macht es nötig, dass ich mich möglichst unauffällig und früh auf den Rückweg mache. Das Festessen, finanziert von eine Spenderin, muss zu anderer Zeit ohne mich stattfinden.

Gegenüber dem Hospital hat sich inzwischen ein kleiner Basar entwickelt, in den kleinen Läden können die Verwandten der Patienten einkaufen. Dort ist auch eine Apotheke für Medikamente, die sie nicht vom Hospital erhalten, und in einem oder zwei Essstellen können Ambulante und ihre Begleiter, die von weit her kommen, ihren Hunger stillen, Tee trinken, Wartezeiten überbrücken.  Möge dieser strahlende und hilfreiche Ort mit Hospital und geschäftiger Umgebung noch lange für die Menschen erhalten bleiben. Der Einsatz dafür lohnt sich, es hat Sinn.

Der eigentliche Basar ist 2 km entfernt am Regierungszentrum des Distrikts Chak. Wegen der vielen Raketenangriffe der Taliban sind aber viele Händler weggezogen.

 

Auf halber Strecke zur Hauptstraße passieren wir ein Dorf. Matiullah behauptet, es stecke voller Taliban. Er berichtet, dass in der Nähe seines Haus ein Schusswechsel stattfand. Es war seiner Familie nichts passiert. An der Straße seien schon dreimal alle Fenster durch Detonationen zu Bruch gegangen. Die Taliban hätten Minen gelegt.

Glücklicherweise werden die Mitarbeiter des Hospitals in Ruhe gelassen. Ziel der Taliban-Angriffe sind die von Auswärts kommenden afghanischen Soldaten. Dabei werden natürlich auch Zivilisten mitgetroffen.

 

Ohne Zwischenfälle erreichen wir Kabul, Lob und Dank meinen Schutzengeln, den christlichen und vielleicht auch den muslimischen! Wie ich später erfuhr, fanden in der Woche in Chak vier Anschläge und eine Entführung statt. An der Abzweigung von den Hauptstraße Kabul - Ghazni nach Chak war eine Ambulanz mit Fahrer des Swedish Committee entführt worden, sie kamen nach einer Woche frei.

 

Es sind jetzt 26 Jahre, seit ich für Afghanistan arbeite, mich für seine Menschen einsetze, eine schwierige, eine intensive, eine erlebnisreiche interessante Zeit. Ein Krieg löste den anderen ab, ich habe mit den Afghanen gefühlt, gelitten. Wie viele Fahrten führten mich über halbzerstörte Brücken ohne Geländer, vorbei an Minen am Straßenrand, in einer grandiosen Landschaft. Ein Urvertrauen hat mir bei allen Schwierigkeiten geholfen: “If You are on the right way, you must not be afraid of anything”  wenn Du auf dem rechten Weg bist musst Du Dich vor nichts fürchten.

 

Wenn ich über etwas unglücklich bin, dann sind es die Bürokraten in den Ministerien. Ich habe den Eindruck, dass sie ihre Zeit nur nutzen, um sich Schikanen auszudenken und uns Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Einer weiß nichts vom anderen und schickt einen zum nächsten: kein Bakschisch, also auch keine Leistung. Zeit und Nerven werden verbraucht  für die Ministerien, dazu noch durch die anhaltende Verkehrsstaus und Straßensperrungen.

 

Abdul Latif und Dr. Ehsan waren eine Woche jeden Tag mehrere Stunden damit beschäftigt, für mich ein Jahresvisum zu besorgen. Es hatte ohne Erfolg schon im Mai angefangen. Am letzten Tag meinten wir, dass  es wieder nicht gelingen würde. Am Ende hat es doch noch geklappt. Scheinbar. Ein Mitarbeiter des Bruders von Abdul Latif kannte im Innenministerium ein paar Leute. Nach zwei weiteren Anläufen habe ich tatsächlich das Jahresvisum bekommen. Ein Witz war, dass ich dazu alle Zeugnisse seit 1963 über Ausbildung, Fort- und Weiterbildung Zusatzausbildungen beibringen musste.

Dann kommt der Schock des Tages: Ein Anruf des Passamts, das Jahresvisum müsse mir wieder entzogen werden, es stünde mir nicht zu, da ich keine Arbeitserlaubnis habe. Mein Antrag auf  Arbeitserlaubnis war vom Ministerium für öffentliche Arbeiten abgelehnt worden, weil ich älter als 65 bin. Nun also wieder Fahrt zur zuständigen Stelle, diesmal, damit  das Jahresvisum amtlich gelöscht werden kann . Bei der einen Fahrt blieb es aber nicht. Abdul Latif kam zurück und bekam die Auskunft, es stehe in den Papieren, dass ich Angestellte des Hospitals sei. Er musste zurück zum Wirtschaftsministerium, damit die Eintragung in „Director of Hospital“ geändert wird, dann am nächsten Tag wieder zum Passamt. Einfach lächerlich!

 

Traurig stimmt es, wenn man schon früh morgens um 6.30 Uhr Hunderte von Menschen, Frauen, Kinder vor dem Innenministerium in der Schlange warten sieht. Sie wollen einen Pass, wohl um das Land zu verlassen. Polizisten wieder mit Gummiknüppeln halten zwischen ihnen Ordnung.

 

Nichts und Niemand entspricht in Wahrheit allen komplizierten und widersprüchlichen Vorschriften. So hat der Leiter der Organisation, von der wir das Zimmer in Kabul gemietet haben, ein Jahresvisum. Er ist ein Jahr älter als ich. Er und seine Frau betreuen Moschee-Schulen, zuständig dafür ist das Ministry of Higher Education, eine Behörde, die noch relativ organisiert zu sein scheint, jedenfalls besser als das Gesundheitsministerium, dem wir unterstehen. Es spielt vielleicht auch eine Rolle, das der neue Gesundheitsminister aus dem Panjir ist und kein besonderes Interesse an einem Hospital in der Provinz Wardak hat. Wäre es im Panjirtal, sähe es sicher anders aus. Provinz- und  Stammeszugehörigkeit spielen eine große Rolle.

Trotzdem: Aufgeben gilt nicht!

 

Ausgefüllt sind die Tage wie immer auch durch Besprechungen, versüßt mit Schokolade und anderen Leckereien. Wie immer müssen die Großeinkäufe getätigt werden. Unterbrochen erfreulicherweise auch durch Gäste wie den Sohn meines ersten Dolmetschers Hadji Dawood. Und der Besuch von Ing. Mahmood, eines früheren Administrators. Ein Essen mit meinen ältesten deutschen Freuden. Erinnerungen werden ausgetauscht. Ich kenne diese schon seit 1993. Sie bewegen sich wie ich auch relativ frei. Dafür bin ich dankbar.

Die „Großen“, wie Intern. Rotes Kreuz, Botschaften, GIZ = Gesellschaft für Intern. Zusammenarbeit, aber auch Care International, Swedish Committee können selbst in Kabul kaum oder gar nicht ihre Büros und Spezialunterkünfte verlassen. Sie fahren gepanzerte, auffällige Autos. Man weiß, da ist Geld.

 

Täglich genieße ich die Vielfalt des Obstes. Und erst dreimal fiel der Strom aus. Auch das ist nicht selbstverständlich, ich weiß es zu schätzen.

Nach Beendigung der Arbeiten verabschiede ich die jeweils zuständigen Mitarbeiter. Sie entschwinden aus dem chaotischen, durch Diesel verpesteten gefängnisartigen Kabul zurück nach Chak, für mich die leuchtend blumige Insel meiner Sehnsucht.

 

In den Besprechungen mit den Mitarbeitern galt es Erneuerungsvorschläge aufzugreifen wie z. B. der Flur im Frauen.-u. Kinderhospital ist zu dunkel. Man schlug vor, im Dach ein Fenster mit Spezialglas einzuarbeiten, damit das Tageslicht einfällt. Natürlich gilt es auch, Fehler zu korrigieren, Mahnungen auszusprechen.  Beim Sichten der Rechnungen z. B. stelle ich fest, dass es in der Physiotherapie eine enorme Steigerung des Batterienverbrauchs gab. Durch Dr. Ehsan ließ ich klären, dass diese Art der Behandlung besonders wichtig ist. Es wird geprüft, ob man das Gerät nicht an das Netz anschließen kann. Sollte es weiter auf Batterien laufen müssen, werden wir für diese Behandlung ein kleines Entgelt nehmen,wie z. B. für Ultraschall, Laborleistungen etc.

Nach Besprechung, Klärung beschlossen wir ein elektronisches Gerät zu kaufen, dafür kam der Physiotherapeut nach Kabul. In den Geschäften fand er kein geeignetes Gerät. In einem Physiotherapiezentrum in dem die Physiotherapeutin arbeitet, die bei uns ausgebildet wurde, fanden wir schließlich das Gewünschte. Es muß erst im Iran bestellt werden.

Das Kabulbüro brauchte einen neuen Computer.

 

Gefreut habe ich mich besonders über den Gast Hadji Satar aus Ghazni. Ghazni ist, eine historisch wichtige Stadt. Ich kenne die Stadt seit 1992. Ich fotografierte vor der Talibanzeit eine Ausgrabungsstätte, die Füße und Reste von Buddha im Nirwana zeigten. Ich fürchte, dass die Taliban die Buddha-Figur zerstört haben. Ghazni ist auch berühmt für seine blauen Weintrauben, die als dunkle Rosinen für den Reis bei Festen gebraucht werden. Unsere Großeinkäufe wie Reis, Mehl, Öl, Zucker, Dieselöl machen wir seit 1992 in Ghazni. Der Basar ist übersichtlich und, ganz wichtig, die Preise sind wesentlich günstiger als in Kabul, wo Botschaften, UN, NGO´s einkaufen und die Preise völlig verdorben haben.

Viele Jahre fuhr ich zu den Großeinkäufen nach Ghazni über Land, eine wunderbare Strecke. Unterwegs hielt man für Picknicks in Bande Sultan, an einem von den Deutschen nach dem 1. Weltkrieg gebauten Damm. Über Nacht konnten wir bei Ing. Mahmood, dem ersten Administrator, in einem über 100 Jahre alten Anwesen mit vielen Apfelgärten bleiben. Dort habe ich hauptsächlich meine Bücher geschrieben.

In Ghazni haben wir nach den Einkäufen immer leckeres „Karai“ gegessen: Fleisch vom Schaf in verschiedener Zubereitung, in der Pfanne mit Öl gebraten, oben auf ein Spiegelei.

Den Jahresbedarf Dieselöl kaufen wir schon seit der Talibanzeit bei Hajji Satar. Er ist noch einer der wenigen seriösen Geschäftsmänner. Er hatte in Kabul zu tun, besuchte mich bei der Gelegenheit. In Erinnerung vergangener Ghazni-Zeiten hatte ich mir von ihm „Karai“ gewünscht.

In der Nähe von Ghazni, hinter Ing. Mahmoods Anwesen, leben Paschtunen und Hazarat friedlich zusammen. Dies ist auch das Gebiet berühmter Pflaumen, die nicht auf Bäumen, sondern Büschen wachsen. Im September sitzen Frauen tagelang und ziehen von den Pflaumen die blaue Haut ab und trocknen sie auf Holzgestellen. Aufgeweicht in  Jogurt werden sie zum Dessert serviert. Die Soße von Kurmar, eine Art Gulasch, wird durch diese Pflaumen schmackhafter gemacht.

 

Der besondere Besuch

Vor ca. 20. Jahren lernte ich Dr. Farooq Wardak, wie der Name sagt aus unserer

Provinz stammend, bei Svedish Committee in Peshawar / Pakistan kennen.

In Afghanistan löste ein Bürgerkrieg den anderen ab.

In der Talebanzeit kam er nach Kabul und arbeitete mit UNOCHA, mit United Nation.

Er war durch seine Bildung, Gewandtheit, Englischkenntnisse für Afghanistan Vorträge, Aussagen in der ganzen Welt besonders USA sehr gefragt.

Uns war er immer wieder sehr behilflich, z. B. auch beim Kauf eines alten Suzuki ohne Aircondition, das bei der Hitze in Pakistan.

Es war nach Jahren dort unser 1. Auto mehr konnten wir uns nicht leisten.

Jahrelange fuhr ich Riksha in Peshawar und mit dem öffentlichen Bus nach Islamabad wo die Botschaft auch für Afghanistan zuständig war.

Nach Sturz der Taleban war er in der Karzairegierung im Parlament.

Mehrfach besuchte er das Chak-e-Wardak-Hospital, verfolgte die Fortschritte des Projektes.

Er war mit uns freundschaftlich verbunden.

Durch ihn bekam ich den afghanischen Malalai Orden.

Leider kann auch er durch die schlechte Sicherheitslage nicht in seine

Heimatprovinz seit sieben Jahren. Sein jüngster Bruder wurde erst vor einem Monat getötet.

Dr. Farooq Wardak ist jetzt der 1. Berater des Präsidenten Ghani.

Er ist einer der Wenigen die ihr Land nicht verließen, verlassen, obwohl er sicher die besten Chancen hatte.

Er sagte trotz aller Schwierigkeiten, Verschlechterungen ist es doch mein Land.

Was mache ich und bin ich draußen.

Wie sehr freute ich mich über das Wiedersehen mit diesem außergewöhnlichen Mann.

Er versprach mit uns in Kontakt zu bleiben.

Erinnerungen lebten auf, ich brachte auch unsere Schwierigkeiten mit den Ministerien zur Sprachen. Er bestätigte die Mißzustände, leidet auch darunter.

Er versprach bei Bedarf zu helfen.

Glücklich und in Verbundenheit trennten, wir uns in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

Tag der Deutschen Einheit

Durch eine Bekannte in der Deutschen Botschaft in Kabul erhielt ich eine Einladung zur Feier der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Es war für mich ein berührendes Ereignis. Beim Abspielen des Deutschlandlieds bekam ich eine Gänsehaut. Der Botschafter sprach und auch ein eingeladener afghanischer Minister, der an die Tradition der deutsch-afghanischen Freundschaft erinnerte. Afghanische Musik begleitete den Ablauf der zwei Stunden, und Getränke und kleine Häppchen förderten die Geselligkeit.

Ich traf Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, und auch solche, die neu in Positionen gekommen waren. So traf ich einen Afghanen gebürtig aus Wardak, der sich in perfektem Deutsch vorstellte. Er hofft, das das Wasserkraftwerk in Chak nun wohl doch wiederhergestellt wird. Im Gespräch ist das Vorhaben schon seit 1992. Die Regierung, Ministry of Power and Energy würde jetzt wohl daran gehen, der Vertrag sei schon unterschrieben. Er selber kann wegen der schlechten Sicherheitslage nicht nach Chak. Alles in allem ein guter Nachmittag, reich an Begegnungen und Gedanken.

Ich glaube, mein Besuch in Kabul und Wardak ist notwendig für das Projekt und gut für die Menschen und das Hospital. Das gibt Kraft, manche Unebenheit zu überwinden, denn

„über jeden Berg gibt es einen Weg“.